
Frau Dusenburg hat sich im Gleis geirrt. Hier unten fährt heut gar nichts mehr.
Plastikband ist vor den Tunnel gespannt. Aus dem Tunnel hört Frau Dusenburg Bauarbeiter brüllen. Das ist auch kein Leben, so den ganzen Tag im Tunnel.
Außer Frau Dusenburg ist niemand auf dem Bahnsteig. Vielleicht hat sie eine Information übersehen. Frau Dusenburg schaut sich um, sie kann keinen Hinweis entdecken. Aber mindestens vier Kameras sind grade auf sie gerichtet. Sie winkt in alle hinein und macht das S.O.S. Zeichen.
Das muss doch jemand sehen! Da kann man doch mal nett sein und über Lautsprecher durchsagen zu welchem Gleis Frau Dusenburg jetzt muss. Das würde bestimmt auch andere interessieren! Wüstenplanet, kaum ist man aus den eigenen vier Wänden. Aber die Leute dabei ausspähen, wie sie sich zum Seppel machen! Die DDR läßt grüßen. Aber Frau Dusenburg wird ja nicht nach ihrer Meinung gefragt!
Sie steht an der Rolltreppe und wundert sich, dass die Lichtschranke sie nicht registriert. Sie stellt die Einkäufe ab und geht mehrmals an der richtigen Stelle vorbei. Sie wedelt wild mit den Armen. Nichts passiert.
Neulich ging die Rolltreppe sogar bei einer Dogge los. Die Dogge erschrak, lief bellend umher und verbiss sich in einen Rucksack. Jemand warf eine Dose und traf die Dogge am Kopf. Die Doggenbesitzerin brüllte und warf die Dose zurück. Da war Frau Dusenburg schnell woanders hingegangen.
Frau Dusenburg schleppt ihre Einkäufe die Treppe hoch. Schnell ist sie aus der Puste und macht eine Pause. Sind noch eine Menge Stufen. Warum ist nicht die Rolltreppe nach unten kaputt?! Runter kommt man immer!
Frau Dusenburg stellt die Tüten ab. Wäre sie heute bloß nicht zum Markt gefahren! Aber wo sie wohnen, seit Stefanie aus dem Haus ist, gibt es ja keinen Markt! Nur einen Supermarkt. Da schimmelt Obst und Gemüse unter Neonlicht vor sich hin. Und zum Türken dort traut sich Frau Dusenburg nicht mehr. Der Besitzer guckt immer so funkelnd. Sie wird rot und kann Karotten nicht mehr von Kartoffeln unterscheiden. Letzten Sommer schenkte er ihr eine Kirsche. Da kaufte sie ein ganzes Kilo Kirschen für fünfzehn Euro. Dabei war sie die ganze Zeit rot. Von ihrem letzten Geld kaufte sie ihrem Mann Erich ein halbes Hähnchen. Erich warf die Kirschen auf den Boden und sprang drauf herum. Er verbot ihr, jemals wieder beim Türken einzukaufen.
Erich sagt, den Türken hier kann man nicht trauen, das sind alles Dorftürken. Für die ist die Stadt ein Paradies, davon sind die wie auf Drogen und machen nur Scheiße. Erich sagt, das ist nicht ausländerfeindlich, das sagen die in Istanbul genau so über die eigenen Leute. Hat er neulich im Fernsehehen gesehen.
Frau Dusenburg steigt die Stufen weiter hoch. Sie stolpert und schreit auf. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren. Ihr Schrei war schrill, es hörte sich an, als würde ein junges Mädchen schreien. Ein junges schönes Mädchen, das beim Tatort ermordet wird.
Beim Sex machte Frau Dusenburg immer hohe Töne, damit Erich schneller kam. Das muss sie ja nun nicht mehr. Sie muss nur noch ertragen, dass er sich einen runter holt. Er stellt sich tot, aber sie weiß, was er macht. Wenn man so lange das Bett teilt, kennt man nicht nur den Mann gut, sondern auch das Bett. Jede kleine Bewegung der Matratze spürt sie.
Frau Dusenburg schlief letzte Nacht erst ein, als es schon hell wurde. Und dann wachte sie kurz darauf mit einem Schreck wieder auf. Dabei hatte sie überhaupt niemand erschreckt.
Seit Erich nicht mehr arbeitet, ist er immer da. Er geht nie einkaufen, höchstens mal runter zum Imbiss. Frau Dusenburg guckt dann aus dem neunten Stock auf Erich. Er sieht ganz klein aus. Sie will, dass er da unten bleibt und sich betrinkt bis er tot umfällt. Das ist einer Frau aus dem achten Stock passiert. Aber Erich weiß noch nicht mal wie der Typ vom Imbiss heißt. Dabei wohnen sie da schon seit fünf Jahren. Er weiß wohl auch nicht mehr, dass Frau Dusenburg mit Vornamen Barbara heißt. Er nennt sie immer bloß: „Du!“
Seit er den ganzen Tag im Haus ist, kann sie nicht mehr schlafen. Er hat sich eigentlich nicht verändert. Aber er ist immer da. Einmal wollte er plötzlich Sex im Popo. Das war kurz nach seiner Pensionierung. Das hatte er vorher nie gewollt. Seit er das gefragt hat, mag sie gar nicht mehr.
Frau Dusenburg ist die Treppe bis nach oben gestiegen. Ihr Rücken schmerzt, das Herz schlägt schnell.
Jeden Morgen sucht sie einen Grund, das Haus zu verlassen. Heute hat sie Erich erzählt, am Hafen gebe es das Kilo Hackfleisch zu einem Euro. Sie wolle mal eine Bolognese Soße machen. Das war nicht mal gelogen.
Das Rezept hatte sie von Sanne, der Nachbarin gegenüber. Erich sagt immer: Su? Sanne?!
Sanne ist die einzige Freundin von Frau Dusenburg. Zumindest ist sie die einzige Person aus dem Haus, deren Vornamen Frau Dusenburg kennt. Außer Erich natürlich! Und das Meerschweinchen von den direkten Nachbarn, den Ströhs, heißt Wuppi. Das hat das Kind mit einem Bild neben das Klingelschild geklebt.
Frau Dusenburg weiß nicht so recht, ob das mit Sanne wirklich eine Freundschaft ist, denn Sanne nennt Frau Dusenburg noch immer Frau Dusenburg.
Sie kennen sich jetzt immerhin schon seit einem Jahr. Sanne ist Ende dreißig. Nach ihrer Scheidung ist sie eingezogen. Sanne arbeitet bei einer Konzertkasse und hat keine Kinder.
Frau Dusenburg hätte sich Stefanie auch lieber erspart. Stefanie war weder ein hübsches noch ein niedliches Kind. Frau Dusenburg hält ihre Tochter auch nicht für besonders intelligent. Obwohl sie schon sich selbst nicht für besonders intelligent hält.
Als Stefanie mit dreizehn in die Länge ging, machte sie doch noch ein bisschen was her. Sie wurde groß und dünn. So wie der Vater eben. Aber sonst fiel das Kind nicht besonders auf. Bei Elternabenden kam Stefanie oft gar nicht vor. Weder bei den positiven, noch bei den negativen Erwähnungen. Nur einmal rief eine Lehrerin bei den Dusenburgs an, um über Stefanie zu sprechen.
Frau Dusenburg ging allein in die Sprechstunde. Die Lehrerin trug eine große Kette aus Holz, die ihr ganzes Dekolletee verdeckte. Da musste Frau Dusenburg die ganze Zeit hinschauen.
Die Lehrerin erzählte, sie hätte Stefanie mehrmals betrunken am Hauptbahnhof gesehen. Außerdem lasse Stefanie sich von jedem anfassen und hätte auf der letzten Klassenreise Geld dafür genommen.
Das konnte Frau Dusenburg sich nun wirklich nicht vorstellen, dass jemand ihrer Tochter Geld fürs Anfassen gab. Beinahe war sie ein bisschen stolz.
Ein paar Tage später saß sie mit Stefanie nachmittags im Wohnzimmer. Sie guckten zusammen fern. In einer Werbepause fragte Frau Dusenburg, ob Stefanie schon einen Freund hätte. Stefanie spielte eine Weile mit ihrem Klappfeuerzeug und zündete sich eine Zigarette an. Frau Dusenburg ging in die Küche und machte sich ein Brot.
Jetzt ist Stefanie mit Ingo von der Ausländerbehörde zusammen und hat eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau gemacht. Da gibt es Schlimmeres.
Sanne, die Nachbarin, hat einen Freund, der jünger ist. Einen, der schwarze Musik macht, obwohl er gar kein Schwarzer ist. Sanne sagt Afrikaner. Sie hatte Frau Dusenburg einmal gefragt, ob sie mit zu einem Konzert kommen will. Sanne sagte, von der Musik bekäme man gute Laune. Gute Laune könnte Frau Dusenburg gut gebrauchen. Sanne sagte, die Musik sei so schön ambivalent! Sogar wenn die vom Tod singen, klinge das fröhlich. Darunter konnte Frau Dusenburg sich nichts vorstellen.
Erich sagt, die Schwarzen mögen dicke Frauen, weil die zu hause nix zu fressen hatten. Er sagt, deshalb feiern die auch so gern. Wo es nix zu feiern gibt, ist die Party am größten. Erich will unbedingt mal nach Kapstadt in den Urlaub. Er sagt, da sind an jeder Ecke Kameras, da kann man sich in Ruhe bewegen.
Frau Dusenburg steht endlich auf dem richtigen Bahnsteig, aber die Bahn kommt nicht. Der Bahnsteig ist voll, die Leute blicken umher und schimpfen darüber, dass es keine Durchsage gibt. Frau Dusenburg stört das nicht. Sie ist froh, eine Weile einfach so dastehen zu können.
Eine Frau neben ihr zetert über Selbstmörder, die sich unbedingt zur Hauptverkehrszeit umbringen müssen! Frau Dusenburg ist sicher, dass ein Selbstmörder bestimmt nicht auf die Uhr schaut. Ein Selbstmörder fragt sich doch nicht, ob er den Alltag der Anderen stört. Das tut er ja schon, weil er sich mal einfach so umbringt.
Clever, so ein Selbstmörder, freut sich Frau Dusenburg. Sterben, das wäre doch mal was! Da würde Erich aber dumm gucken. Da würde ihm die Lust auf sein Wichsi Wichsi aber vergehen.
Es ist doch eigentlich ganz logisch sich umzubringen. Früher oder später geht doch sowieso das Licht aus. Sich umbringen kann jeder! Das kriegt sie, Barbara Dusenburg! auch noch hin. Sie überlegt, warum sie sich eigentlich nicht gleich hier vor die Bahn wirft.
Sie beschließt es zu tun, wenn die Bahn in den nächsten fünf Minuten kommt. Entschlossen macht sie einen Schritt nach vorn und starrt auf die Bahnhofsuhr. Ihr Herz schlägt schnell, sie spürt, dass sie rot wird, wirft die Haare zurück und setzt ihren Elisabeth Taylor Blick auf. Sie atmet mit bebender Brust, schwitzt, es pocht sogar ein bisschen in der Muschi. Das ist ihr schon seit Jahren nicht mehr passiert, und wenn nur im Kino.
Dann wird durchgesagt, dass ein Busersatzverkehr eingerichtet wurde. Frau Dusenburg lacht einmal laut und schrill auf. Die Frau, die über den Selbstmörder gemeckert hat, guckt sie strafend an. Frau Dusenburg streckt ihr die Hand entgegen: „Guten Tag, ich heiße Barbara.“ Die Frau wendet sich mit einem irritierten Blick ab.
Frau Dusenburg wartet bis der Bahnsteig sich leert. Sie lässt ihre Tüten stehen und steigt die fahrende Rolltreppe hoch. Dann rennt sie die gleiche Rolltreppe wieder nach unten, so wie es junge Leute tun. Das hatte sie sich bisher nie getraut.
Die Busse oben vor dem Bahnhof sind bereits überfüllt. Frau Dusenburg geht zu Fuß.
Sie knöpft ihre Bluse auf und streicht sich über das Dekolletee. Es ist ganz nass. Ein kleiner Mann mit einem weißen Pferdeschwanz wirft ihr einen Blick zu, da öffnet sie noch einen Knopf. Er sagt etwas auf einer Sprache, die Frau Dusenburg nicht kennt. Es klingt sehr unfreundlich. Sie hält seinem Blick stand. Er dreht sich um, steigt auf ein Damenrad und fährt fluchend davon.
Frau Dusenburg geht durch einen Park. Eigentlich ist es kein richtiger Park, man kann die Straße hören und sehen und es gibt einen Parkplatz im Park! Frau Dusenburg entdeckt Abfall. Eine Autobatterie, einen Buchdeckel mit einem Leuchtaufkleber: Deutsche Gedichte, 2 Euro, eine Tube Selbstbräuner, ein Kondom mit einem Knoten.
Der Müll scheint vollkommen sich selbst überlassen. Er liegt überall, nur nicht auf dem bisschen Rasen, der die Form einer Eieruhr hat. An der Eieruhrwiese steht ein Betreten Verboten Schild. Tatsächlich scheinen sich alle dran zu halten. Sogar der Müll.
Auf einer Bank sitzen schwarzhaarige Jungs. Als Frau Dusenburg an ihnen vorbei geht, ruft einer: „Geile Titten Mutti!“
Frau Dusenburg bleibt vor den Jungs stehen. Einer fängt an zu lachen. Frau Dusenburg äfft das Lachen nach, da prusten alle los. Frau Dusenburg lacht auch, es hört gar nicht mehr auf. So einen Ausländerjungen hätte sich Stefanie nehmen sollen. Da hätte sie wenigstens Spaß gehabt. Ingo ist ja bloß bei der Ausländerbehörde. Knapp vorbei ist auch daneben.
Hinter den Sträuchern neben der Wiese steht eine Tischtennisplatte. Da tummelt sich eine in die Jahre gekommene Alkoholikerclique. Eine ältere Dame eilt vorbei und schaut sich noch einmal um.
Frau Dusenburg geht rüber zu den Säufern.
„Hallo, ich bin Barbara, krieg ich was zu trinken?!“
„Klar Süße, kriegst n Bier, ich bin Robert.“, sagt einer in Lederhose und Matrosenhemd.
„Sind sie öfter hier?“, fragt Frau Dusenburg und trinkt das Bier in einem Zug aus.
„Kann man so sagen.“, sagt Robert und räuspert sich.
Er setzt sich neben sie auf die Tischtennisplatte und grinst. Er hat noch alle Zähne.
„Ich glaube, sie sind zu alt für mich!“, sagt Frau Dusenburg ohne ihn anzusehen.
„Alt und nimmersatt!“, sagt Robert. Man hört das Grinsen in seiner Stimme.
„Ich bin verheiratet.“, sagt Frau Dusenburg und zeigt ihm die Hand mit dem Ring. Robert gibt ihr einen Kuss drauf und sagt:
„Ich bin Lackierer. Wusstest du, dass Lack der flüssigste Farbstoff ist, man kann ihn mit Staub vermischen."
„Warum erzählen sie mir das?“, fragt Frau Dusenburg und macht ihr zweites Bier auf.
„Na, Frauen muss man doch beeindrucken. Und am besten beeindruckt man noch jeden Menschen mit Sachen, die er noch nicht kennt. Ob sie stimmen, spielt keine Rolle.“
„Sie wollen mich beeindrucken? Warum?“
„Weil du so schöne große Brüste hast Barbara!“
Er reicht ihr eine Flasche Wodka. Frau Dusenburg nimmt einen großen Schluck.
„Danke. Aber, Herr Robert, aus uns wird heut nichts, ich muss weiter.“
„Wohin denn Süße?“
„Dahin, wo ich es noch nicht kenn!“
„Süße, da steh ich dir nicht im Weg. Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Ich war schon immer für die offene Beziehung!“
Frau Dusenburg winkt freundlich in die Runde.
Als sie den Park auf der anderen Seite wieder verläßt, steht sie plötzlich vor einer Menschenmenge. Frau Dusenburg sieht viele Polizisten, Leute in schwarz, bunt und in Militärkleidung. Auch ihre Altersklasse ist vertreten. Sie hört Gitarren, Trommeln, Stimmen über Lautsprecher. Applaus und Pfiffe. Frau Dusenburg fragt sich, was es wohl zu beanstanden gibt.
Sie geht direkt in den Zug hinein. Sie läuft einfach mit. Niemand hier weiß, dass sie nichts damit zu tun hat. Sie nimmt ihre Handtasche von der Schulter und lässt sie einfach los. Vorne in der Parade kommt Unruhe auf. Die Polizisten heben ihre Schutzschilder. Jemand schreit genau hinter Frau Dusenburg, Tumult bricht los, die Menge bewegt sich in alle Richtungen. Lächelnd hebt Frau Dusenburg die Arme und lässt sich fallen.
Ende.

