Ich, Benjamin Wellenkamp wurde verlassen, überdrüssig war ich meines Lebens schon vorher.
Der Versuch, mir etwas anzutun war überhaupt nicht erfolgreich, ich kam nicht einmal ins Krankenhaus. Ich war eben in jeder Hinsicht eine Niete. Dass ich sogar das Vorhaben, mich umzubringen nur halbherzig anging, entlarvte meinen armseligen Jammer vollends und bewies, ich war bloß ein Idiot und Wichtigtuer.
Ich konnte meine hirnverbrannten Einfälle noch nie leiden. Dabei verdiene ich damit mühelos einen Haufen Geld. Mein Beruf ist das Ausdenken von Geschichten im Auftrag anderer. Ich hatte schon zu Beginn meiner Studienzeit bei einer Agentur für Drehbücher unterschrieben. Meine Agentinnen verlangten stets einfach Gestricktes: Liebe mit Verwicklung, die den Alltag erschüttert! Das Ziel: Zerstreuung der frustrierten Frau zur besten Sendezeit. Mir war das egal, ich mochte sowieso nicht, was ich schrieb und war frei von Idealismus.
Meine Mutter schreibt Kinderbücher und Hörspiele. Sie beutete meine Fantasie bereits aus, als ich grade angefangen hatte zu sprechen. Eine Geschichte mit dem Titel Das Loto und der Lalla - Das Auto und der Ball - war buchstäblich von mir inspiriert. Dafür gab es einen 1. Platz - Das Goldene Lätzchen - als beste vermittelbare Kost mit pädagogischem Ansatz oder so. Bei jeder popeligen Familienfeier las sie das Werk vor und wedelte mit der Urkunde.
Meine Mutter eröffnete damals ein Konto, auf das sie 50% der Einkünfte von Das Loto und der Lalla überwies. Mit achtzehn bescherte mir das ein beachtliches Vermögen, von dem ich noch immer zehre. Und natürlich zweifelte ich lange nicht daran, ein Genie zu sein.
Noch eine Folge von Mutters Ehrgeiz war mein Germanistikstudium mit Medienschwerpunkt. Dort liefen nur solche blasierten Schwachköpfe herum wie ich. Es war kaum auszuhalten. Und so trat ich dort bald nur noch selten auf. Filme anschauen konnte ich auch zu hause. Man kann es wie: Saufen, Vögeln, Onanieren und Schlafen, hervorragend bei verschlossenen Gardinen tun.
Als ich feststellte, dass das Schreiben von miesen Geschichten, mich zwar zu einem jungen Erwachsenen ohne Geldsorgen, aber auch zu einem Torfkopf gemacht hatte, beschloss ich, mir ein Hobby zu suchen.
Schließlich entschied ich mich für Schauspielunterricht. Frau Lomonossows Angebot hing am Schwarzen Brett der Mensa. Auf dem Zettel stand nur eine Adresse, sie führte mich zu einem Häuschen, bloß ein paar Straßen weiter.
Als ich klingelte, öffnete sich die Tür sofort. Frau Lomonossow war so klein, dass ich meinen Kopf neigte, um ihr ins vergnügte Gesicht zu schauen. Sie gab mir beide Hände und zog mich mit einem Ruck über die Schwelle direkt ins Wohnzimmer.
Es lagen zwei Gedecke auf einer violetten, mit gelben Ranken und Blumen bestickten Tischdecke - die Tapete hatte das gleiche Muster. Wir tranken schwarzen Tee, vereinbarten den Preis, sie räumte ein bisschen in der Küche herum und danach begannen wir mit dem Unterricht. Bald verschwand sie wieder in der Küche, werkelte pfeifend herum und servierte säuerliches Schwarzbrot, eine kräftig gewürzte Wurst und einen Berg Perlzwiebeln. Sie sagte, wir müssten uns jetzt mal ein bisschen unterhalten und öffnete eine Flasche Wodka. Ich blieb bis nach Mitternacht. Und so ging es nun jede Woche. In Schauspielerei unterrichtete sie mich kaum, ich glaube, sie hielt mich für talentlos. Das war mir egal, denn sie schätzte meine Gesellschaft.
Nach ein paar Monaten verkündete Frau Lomonossow, sie würde schon bald nach Russland zurückkehren. Ihr alter Lehrer Abram hatte seine Frau verloren und lag jetzt selber im Sterben. Abram war Frau Lomonossows große unerfüllte Liebe. Seine Frau aus einer Familie mit Geld und Macht hatte damals gedroht, sie umzubringen. Sie verließ Russland, um ihr Leben zu retten.
Ihre Geschichten aus der Heimat und immer wieder von der Liebe erfüllten mich nun an fast jedem Abend. Sie war eine große poetische Laienphilosophin. Bald hatte sie mich davon überzeugt, dass Geld das Unwichtigste im Leben war und außerdem den Charakter ruiniere.
Sie war nie zu viel Geld gekommen, schien mir aber, trotz all ihres persönlichen Unglücks, eine überaus zufriedene Person zu sein. Unser Beisammensein, bei dem einen oder anderen Wodka im Tee, hatte mich sanft davon überzeugt, dass es mehr gab, als ein reicher Fuzzi zu sein, der zu keinem einzigen bedeutungsvollen Gefühl fähig war.
Nachdem Frau Lomonossow angekündigt hatte, mich zu verlassen, verflog meine Gier nach Neuem, und die Idee der wahrhaftigen Liebe nutzte ich nicht als Impuls für die Beziehung mit meiner Freundin, sondern ich wurde abstrakt, starrte bloß noch vor mich hin und begann, Gedichte auswendig zu lernen. Frau Lomonossow hatte mal gesagt:
„Es ist auch Liebe, wenn du fühlst Liebe ohne jemand anders, das ist die erste Regel der Liebe Benjamin!“
Und dann packte sie ihr altes Köfferchen, mit dem sie auch damals gereist war. Wehmütig fuhr ich sie zum Flughafen, in der Hoffnung, sie nehme mich vielleicht doch noch mit. Sie legte mir zum Abschied aber bloß beide Hände auf die Brust und sagte: „Hier musst du lernen. Ich kehre zurück, wenn Abram gegangen ist.“
Sie schickte mir bald darauf eine Karte mit der Basilius-Kathedrale drauf. Abram hatte sich bei ihrer Ankunft überraschend erholt: Sie schrieb: Die Ärzte sprechen von Wunder!
Halbherzig sah ich mich nach einer neuen Schauspiellehrerin um. Auch sonst wurde ich ziemlich gleichgültig und begann passenderweise zu Kiffen, obwohl mir das nicht mal gefiel.
Und dann bemerkte ich langsam, dass meine Freundin nicht mehr wie sonst ein zwei Mal die Woche vorbeikam. Plötzlich entdeckte ich auch ihren Schlüssel auf dem Tisch in der Küche.
Ein paar Tage später rief ich bei ihr an, um zu fragen, ob sie das ernst meine. Sie brüllte: „Ja, und wie!“ Ich murmelte: „Ach so, na ja, na dann, na gut.“
Dann machte ich mir vor, mein Schauspielstudium durch das Anschauen von Filmen fortzusetzen. Ich lieh mir jede Menge Zombiefilme aus, kaufte mir sogar ein paar. Als ich alle gesehen hatte, sogar welche in fremden Sprachen, schaute ich alle weiteren Splatterfilme aus Videotheken der Nähe. Dann nur Filme mit Männern, die in Gruppen organisiert waren und dazu schöne schweigsame Frauen und Schnellfeuerwaffen benutzten. Mir ging es wirklich besser, aber ich brauchte dringend neuen Input. Also besuchte ich ein Schwul-Lesbisches Filmfest.
Ich tauchte mit Begeisterung in diese Welt ein, die anderes zu bieten schien. Es endete mit der politisch korrekten Einsicht, dass es egal war, wer wen liebte oder nicht, überall die gleichen Probleme! Besonders gefiel mir die Liebesgeschichte zwischen einer amerikanischen Kriegsberichterstatterin in Afghanistan und einer, den ganzen Film über verhüllten Muslima. Das brachte mich zum Heulen.
Ich war erleichtert, da ich nach meinem Heimkinoexzess befürchtet hatte, durch das ewige Blut und Gemetzel, sei der Rest meiner Empfindungsfähigkeit auch noch abgestorben.
In schwächlicher Offenheit setzte ich mich nach Fara&Farah zu einem lesbischen Pärchen in die Gastronomieecke des Foyers. Dankbar stieg ich in ihr Gespräch über die mediale Ignoranz gegenüber Homosexualität in ihrer Alltäglichkeit ein. Ich konnte sogar einen originellen Beitrag leisten, da ich während meines Filmmarathons auf einen Genremix aus Splatter, Kostümfilm und lesbischen Amazonenporno gestoßen war. Zum Schluss verspeiste eine blonde Cleopatra in der Totalen einen dreischwänzigen Cäsar. Technisch war das gar nicht schlecht gemacht.
Ich dozierte, dass erst der Mangel an Qualität eines Kulturerzeugnisses Normalität für Randgruppen schaffe. Das nette Paar resümierte, ich sei ein witziges Kerlchen, sie würden mich adoptieren. Meine Gesellschaft war amüsant, obwohl es mir miserabel ging! Aus diesem Holz sind Helden geschnitzt!
Ich hätte beinahe all die Schmach vergessen, die es mit sich bringt, verlassen zu werden weil man ein Nichtsnutz war. Nach reichlich öligen Oliven, Sardellen, Käsewürfeln, drei Karaffen Tempranillo und ein paar kalten Brandy, tranken wir endlich Schwesternschaft. Da verging mir die Laune, denn das Pärchen hieß Moni und Anna. Das mag nicht von Belang erscheinen, wenn man nicht weiß, dass eine Anna Schuld an meiner neuen Existenzform als Zuschauer der Liebe war. Anna hatte mich verlassen und sie trank auch gern Rotwein. Ich sagte noch, ich sattel jetzt die Pferde, als würde mich das zum Cowboy machen und wankte zur nächsten Videothek. Ein paar Kriegsfilme ohne Moral rückten mich zunächst wieder ein wenig zurecht.
Dann beging ich einen Fehler. Ich schaute französische Filme aus meiner eigenen Sammlung - über die Gravität der Liebe, ihre Grausamkeit, die Einsamkeit, die Fatalität, die Schönheit, die Vergänglichkeit. Ein Marathon großer Regisseure, Darsteller und Themen in meinem kleinen Leben am späten Abend.
Später erdachte ich mir eine Methode, um mir fundamentale Erkenntnisse durch den Konsum von Filmfragmenten zu beschaffen. So wollte ich meine Fantasie anregen, denn ich hatte seit Wochen nicht gearbeitet. Auf eine Videokassette überspielte ich jeweils die ersten 3 Minuten, dazu hingespulte dem Zufall überlassene 3 Minuten und die letzten 30 Sekunden der Filme von: Godard, Chabrol, Truffaut, Bunuel, Rohmer, Sautet, Malle, Ozon und auch Kieslowski.
Nachdem ich mir alles angesehen hatte, blieb eine brauchbare Erkenntnis sowie Kontemplation bis auf weiteres aus - eine ähnlich armselige Situation wie beim Kiffen. Kurz darauf kam ich auf die Idee, mich umzubringen.
Aber die Tabletten aus meinem Alibert waren nicht die richtigen, das Messer war stumpf und das Geschenkband um meinen Hals riss. Später ging ich, noch mit der Schlaufe um den Hals, in die Bar, in der Anna arbeitete. Sie war ganz in der Nähe. Ich hatte da auch mal gearbeitet. Ich kellnerte aus bloßer Langeweile zur Selbsterfahrung und bin nach zwei Schichten wieder raus geflogen. Mir wurde gesagt, ich wäre talentfrei für Tätigkeiten mit den Händen.
Anna war dort, arbeitete fleißig und lächelte zu allen Seiten, nur nicht in meine Richtung. Sie sah nicht einmal zu mir rüber. Dafür beobachtete mich Volker. Volker gehörte die Bar. Volker hatte mir mein mangelndes Talent zum Kellnern verkündet. Jetzt war ich gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich der Grund für meinen Rauswurf war. Er berührte Anna jedes mal wenn er in ihre Nähe kam.
Volker drohte mit Hausverbot, wenn ich weiter dieses Drama in seinem Laden aufführte. Komische Kauze würden die Gäste verstören! Ich konnte ihn verstehen, schließlich ging es um seine Existenzgrundlage. Doch auch meine Existenz stand auf dem Spiel! Ich hielt mein Selbstmitleid kaum noch aus. Wer leidet, den soll man nicht stören. Und wenn ich normal drauf war, war ich viel weniger scheiße als Volker. Volker, der Typ, der es geschafft hatte, ein fleischgewordener Arbeitseifer! Er besaß bereits eine Bar-Kette, weil ihm immer nur das Gleiche einfiel. Also war er im Grunde wie ich, nur, dass ich eigentlich ein Genie war und er bloß eifrig!
Meine Darstellung eines Selbstmörders schien niemanden zu interessieren. Ich sah mein Bild im Spiegel hinterm Tresen, es sah irgendwie verwaschen aus, zerlief und verschwamm dann vollends! Ich wankte, hielt mich an einem Barhocker fest und richtete mich mit Mühe wieder auf. Anna beachtete mich trotzdem nicht.
Nachdem ich vergeblich versucht hatte, mir eine richtige Träne rauszudrücken, steckte ich in einem günstigen Moment den Finger in einen Schnaps und rieb ihn mir ins Auge. Es brannte, ich brüllte, zog eine Serviette unter dem Cocktail einer riesigen Blondine hervor und tupfte damit auf meinem Augapfel herum. Ein paar Leute fingen an zu lachen. Die Riesenblondine tätschelte mir die Wange und lud mich auf einen Cocktail ein. Ich trank das Glas in einem Zug aus und bekam Applaus. Eine Kurzhaarige mit großen Brüsten in einem engen Blazer spendierte mir einen noch größeren Cocktail. Langsam wurde es nett, Zeit zu gehen also!
Die Serviette aufs Auge gedrückt, stolperte ich hinaus. Auf dem Weg nach hause, entschied ich, mir helfen zu lassen. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugeworfen, wählte ich die Nummer der Studenten Seelsorge.

„Studentische Seelsorge, Barbro am Apparat, ich bin für dich da, worum geht es?“
„Hallo, ähm Barbara?“
„Neee, Barbro, das ist die skandinavische Variante. Kenn ich schon, dass das keiner kennt. Du, aber wart mal, bist du ein Mann?!“
„Ja, ich glaube schon.“
„Ach okay, liegt das Problem im transsexuellen Bereich?“
„Was? Hä? Ach so, nee nee, sollte nur witzig sein, ich bin ein richtiger Mann!“
„Na, dann Herzlichen Glückwunsch! Aber für Witze ist die Leitung heut nicht frei, heute ist frauenspezifischer Abend hier, darauf wollte ich durch meine Fragestellung hinaus! Die Frauenabende sind immer die Marlene Dietrich Tage vor der Freiheit.“
„Äh, ach so..... Und was heißt das jetzt?“
„Also, immer die M und D Tage vorm F Tag. Also nicht Montag und Dienstagabend, sondern eben Mittwoch und Donnerstagabend vor Freitag.“
„Ach so, verstehe. Aber warum sagst du dann nicht einfach Mittwoch und Donnerstag?!“
„Das lass mal meine Sorge sein. Einige Leute, die hier anrufen, fühlen sich echt nicht gut, die freuen sich über jede Eselsbrücke, die brauchen das, dass sich jemand anderer für sie Gedanken macht.“
„Was qualifiziert denn dich, da Anrufe anzunehmen, studierst du irgend so ein Psychofach?“
„Sorry, aber das fällt hier jetzt auch nicht in den Gesprächsbereich. Also noch mal: heut ist Frauentag.“
„Aber es geht ja um eine Frau, eine, die mich verlassen hat.“
„Wegen einer Frau?“
„Nein, wegen mir!“
„Dann ist das leider kein frauenspezifischer Konflikt.“
„Was wäre denn einer?“
„Zum Beispiel, wenn du vergewaltigt worden wärst.“
„Von einem Mann?“
„Ja sicher, wie sonst?“
„Aber dann wäre doch gar keine Frau an dem Konflikt beteiligt?“
„Es wäre aber ein Frauenproblem, was auch der Grund ist, warum Männer sich fast nie trauen, das anzuzeigen.“
„Aber dann ist das doch erst Recht ein Männerproblem!“
„Hast du denn da schon mal Probleme gehabt?“
„Nein!“
„Musst dich nicht schämen!“
„Ich wurde nicht vergewaltigt, sondern verlassen. Hab ich doch schon gesagt!“
„Ja, tut mir leid, aber ich hab da jetzt wen in der Leitung, machs gut.“

Barbro legte einfach auf. Eigentlich war sie ganz nett.
Ich nahm erst mal ein Schaumbad. Während ich in der Wanne lag, lauschte ich einem Streit des Nachbarpärchens. Ich verstand nicht genau, worum es ging, nur, dass sie unterschiedliche Meinungen darüber hatten, wer Schuld war und wie es weitergehen sollte.
Das wusste ich auch nicht. Sollte ich versuchen, etwas zu schreiben, das an den Erfolg von Das Loto und der Lalla anknüpfte, einen Preis bekommen, meine Freundin zurückgewinnen, mich auf Kulturevents betrinken oder einfach in der Badewanne auskühlen?
Als ich aus der Wanne stieg, hatte ich beschlossen, mir zunächst ein paar Spielgeleier zu braten. Eier beruhigen den Kopf. Irgendwo in mir braute sich was zusammen und es drohte eine Explosion, wenn ich nichts unternahm. Soviel verstand ich von meiner Psyche. Nicht, dass ich mich am Ende tatsächlich umbrachte.
Nachdem ich mehrere Spiegeleier und ein ganzes Weißbrot verschlungen hatte, besann ich mich auf den weisen Satz eines anonymen Ernährungswissenschaftlers: Nach dem Essen sollst du ruhen oder tausend Schritte tun!
Ich zählte nicht mit, aber ich lief die ganze Nacht.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, saß ich an einer Bushaltestelle. Ich hatte einen üblen Geschmack im Mund und ein flaues Ziehen im Bauch. Nach ein paar Schritten, lehnte ich mich an eine Ampel und schlief wieder ein. Die Stimmen zweier Jungs weckten mich auf. Zusammen aßen sie Chips aus einer riesigen Tüte. Der Größere sagte: „Lass uns doch einen Umweg gehen, damit wir die noch aufessen können!“
Ich fragte mich, warum sie nicht einfach stehen blieben. Da wurde mir klar, dass ich mich eigentlich so ähnlich verhielt. Es wurde grün, eine Frau sagte zu ihrem kurzbeinigen Hund: “Los Joschi, lauf, sonst ist es gleich wieder rot!“
Ich tat es Joschi gleich und rannte über die Straße.
Auf der anderen Seite sprach mich jemand an. Es dauerte einen Moment bis ich das überhaupt bemerkte. Ich drehte mich um, da stand ein Mann mit einem großen Hund. Der Mann hielt den Hund an einem Laufgeschirr fest, beide sahen an mir vorbei, da begriff ich, dass er blind war. Er sagte:
„Wird es bald sie Schussel?! Hier ist eine Augenklinik, los, führen sie mich schon endlich hinein!“
Unsicher blickte ich umher, bis ich bemerkte, dass wir genau vor der Augenklinik standen. Erleichtert über meinen schnellen Erfolg, rief ich begeistert: „Ah, gefunden! Da steht es ja! Ein großes Schild und da drauf steht: Augenheilkunde!“
Ich stotterte rum, dass ich ihn jetzt zur Treppe bringen würde. Er zischte: „Ja, nun mal zu Bürschchen!“
Ich stupste immer nur kurz gegen seinen schicken Anzug, um ihm die Richtung zu deuten. Ich ging die Treppe hoch und informierte ihn über die Anzahl der Stufen. Oben war eine Glastür, was ich erwähnte, dann hakte ich den Herrn unter und führte ihn bis zum Anmeldepult. Dahinter tummelten sich mehrere Sprechstundenhilfen. Er befreite sich mit einem Brummen von meinem Arm und schubste mich weg.
Die hübscheste der Damen schaute auf und rief:
„Ach, wie schön sie zu sehen!“
Der Hund sabberte und fiepte. Sie griff in eine mit Hundebildchen beklebte Dose auf dem Pult und warf ihm was auf den Teppich.
Niemand erwiderte mein Auf Wiedersehen, aber ich hörte den Herrn noch hinter der Glastür flirten.
Draußen blieb ich stehen, es reichte.
Ein böser Blinder mit Schlag bei Frauen führte mich an der Nase herum, am Sorgentelefon wies man mich ab, weil ich ein Mann war, meine Ex-Freundin ließ sich von einem Typ begrapschen, dessen Heldenhaftigkeit darin bestand, mit Hausverbot zu drohen.
Nur ältere Damen und Lesben begegneten mir freundlich. Was sicher daran lag, dass zu große Nähe ausgeschlossen war. Sie waren von meinem durch Selbstüberschätzung und Selbstverachtung gleichermaßen durchdrungenen Charakter nicht unmittelbar betroffen. Ich musste einfach einsehen, dass ich im Grunde nichts als ein lascher Kotzbrocken war und daran etwas ändern.
Bisher verschwieg ich, dass Anna schon die dritte Frau war, die mich in dem Jahr verließ, im August. Es musste ein anderes Ende geben, ein happy Ende, oder zumindest ein funny Ende! Ich summte Michael Jacksons Man In The Mirror.
Im Supermarkt kaufte ich nur Lebensmittel, von denen meine Mutter sagt, sie regen den Organismus eher auf als an. Zu hause aß ich einen ganzen Schweinebraten, einen Karton Windbeutel, ein Glas Erdnussbutter, ein paar Stücke Butterkuchen und spülte mit einem Billig-Wodka namens Igor nach. Danach schlief ich sofort ein.
Als ich aufwachte, fühlte ich mich ausgeruht und mir war nicht schlecht. Ich stand auf, nahm eine Wechsel-Dusche, zog mir eine bequeme Hose an und begann zu schreiben.
Nach einer Woche war ich fertig und hatte zu meiner Überraschung einen Krimi geschrieben. Mir fiel ein, dass ich mir als Kind schon mal einen Krimi ausgedacht hatte, aber meine Mutter sagte: „Nein, mein lieber Benjamin, dass ist nichts für Kinder, erzähl mir lieber noch mehr von der grünen Giraffe, die sprechen und tanzen kann!“
Ich wollte Barbro anrufen, um ihr von meiner Mutter zu erzählen. Aber eigentlich wollte ich ihr noch lieber mein Werk vorlesen. Leider war es Donnerstag. Also kam Barbro erst am nächsten Tag in den Genuss von Frau Gorki spielt falsch.
Es geht darin um eine alte russische Lesbe, die vorgibt Schauspiellehrerin zu sein, eigentlich aber verdeckt ermittelt. Die Tarnung hat die Kommissarin angenommen, da sie einen Fall im Studentenmilieu aufklären muss. Den Mord an einem BWL Studenten, der aus Leidenschaft Theater spielte. Schließlich bringt Frau Gorki zu ihrem Erstaunen ein Stück auf die Bühne, dass allerdings ausgebuht wird. Aber immerhin ist sie mittlerweile dem wahren Täter auf die Schliche gekommen: Der blinden Mutter des Opfers!
Barbro war begeistert. Sie entschuldigte sich für ihre Engstirnigkeit wegen der Geschlechterordnung, wollte meinen Namen wissen und fragte, ob man nicht mal was trinken gehen wolle.
Meine Agentinnen verkauften das Buch eilig an einen ganz anständigen Fernsehsender. Frau Gorki sollte schon bald dreimal im Jahr ermitteln.
Ich kaufte einen großen Flachbild-Fernseher, einen DVD-Player und brach auf nach Moskau. Ich musste mich bei Frau Lomonossow einfach mit teuren Geschenken bedanken, schließlich hatte ich noch lange nicht soviel zu bieten wie sie.